Aufbruch ans Ende der Welt

Ushuaia in Argentinien verkauft sich als solches und ist auch mein vorläufiges Ziel, doch eigentlich soll es auf die Isla Navarino gehen – einen Katzensprung über den Beagle Kanal, noch weiter südlich von Feuerland.

Und die Isla Navarino gehört zu Chile. Als ich Mitte Jänner zu dieser Reise aufbreche, ahne ich nicht, dass die Überfahrt von Argentinien nach Chile so kompliziert sein kann. Denn Ushuaia liegt so nah, viel näher als die chilenische Stadt Punta Arenas…

Frühmorgens um 4 Uhr am Tag meiner Abreise ist sie schlagartig wieder da, die Reiselust! Vorbei sind der „Vorbereitungsstress“ und die fieberhaften Überlegungen, was denn nicht noch alles zu erledigen wäre. Mein Herz klopft. Abenteuerlust und Neugierde lassen Schmetterlinge im Bauch tanzen. Und doch bin ich ruhiger als sonst. Ich fühle mich getragener. Obwohl ich zunächst allein unterwegs sein werde, habe ich ein klares Ziel und einen Arbeitsauftrag fürs Weltmuseum vor Augen.

Zwischenstop in Buenos Aires mit Flughafenwechsel: schon am Gate rieche ich die warme Sommerluft und habe Lust, ein paar Tage hier zu verbringen, anstatt gleich in den kühlen Süden weiterzureisen. Als ich jedoch in Ushuaia ankomme, sind diese Gedanken (fast) wieder vergessen. Willkommen in Patagonien! Ushuaia verbreitet als Stadt nicht unbedingt besonderen Charme. Es ist extrem touristisch und trotzdem: Patagonien ist Patagonien. Dieses Licht, das die Natur von ihrer besten Seite zeigt, die lustigen Enten mit den langen Schnäbeln, die vor allem in der Früh und am Abend mit ihren ganz eigenen Quak-Lauten ein Konzert geben, der Wind, der über Sträucher und Wiesen streift. Ich fühle mit einem Mal ruhiger und gelassener als noch vor wenigen Stunden. Zeit hat eine andere Bedeutung in Südamerika. Ich bin wie verwandelt. Obwohl ich zum Arbeiten hier bin, mache ich mir hier viel weniger Druck und habe nicht das Gefühl, jede Minute des Tages für irgendwelchen wichtigen Dinge nützen zu müssen.

Nach ein paar Stunden spaziere ich von meinem Hotel, das etwas außerhalb liegt, in die Stadt, um meine Überfahrt auf die Isla Navarino zu bestätigen. Am Hafen liegen kleinere und größere Kreuzfahrtschiffe. Ushuaia ist Knotenpunkt für beliebte Antarktis-Exkursionen. Im Zentrum reihen sich Geschäfte mit Sportausrüstung und Restaurants aneinander. Die Querstraßen plagen sich den Berg hinauf. Nach langem Suchen finde ich endlich Fernando von Ushuaia Boating. Morgen kann ich nicht fahren, meint er. Erst übermorgen. Also heißt es, für eine weitere Nacht ein Hotel zu suchen. Die Preise hier sind ein Wucher, aber ich bin auch recht froh, mich einfach noch eine Nacht ausruhen zu können. Auf dem Flug und in der Nacht des Flughafenwechsels in Buenos Aires habe ich mich verkühlt. Zu allem Überfluss fällt mir auch noch eine Goldkrone aus dem Mund, als ich ein von zu Hause mitgebrachtes Zuckerl lutsche. So lerne ich auch noch eine argentinische Zahnarztpraxis von innen kennen und bekomme einfach nebenbei eine neue Komposit-Füllung links oben.

Auch am Samstag ist es nicht, wie von Fernando angekündigt, möglich, hinüber zu fahren. Angeblich ist auf der Insel die Straße wegen Bauarbeiten gesperrt, die von der Anlegestelle ins 50 km entfernte Puerto Williams führt. Es verbreitet sich das Gerücht, dass der Motor des Bootes kaputt ist. Was auch immer. Ich muss hinüber! Fernando mein, ich soll versuchen, ob mich ein Segelschiff mitnimmt. Erinnerungen an meine Atlantik-Überquerung auf der Tres Hombres vor zwei Jahren werden wach… Stunden vergehen an der kleinen Anlegestelle für Segelboote. Unsere Gruppe an Wartenden wird immer größer. Und zu Mittag gibt es endlich gute Nachrichten: für 200 USD pro Person können wir sieben Leute auf die Isla Navarino fahren. Ein Wucher, aber was soll’s! Ich muss hinüber. Zuerst laufen wir noch kreuz und quer durch die Stadt, um die Ausreiseformalitäten zu erledigen. Gegen 14 Uhr legen wir endlich ab! Mein Schnupfen ist wieder stärker geworden, und die erste Zeit auf dem Segelboot ist wieder extrem anstrengend. Ich finde eine Koje, in der ich mich einfach zum Schlafen hinlege. Die letzte Stunde kann ich dann doch wieder genießen. Wir kommen gerade rechtzeitig an, um noch die Einreiseformalitäten zu erledigen.

Erschöpft bin ich am frühen Abend in meiner Unterkunft, die ich vorreserviert habe. Das gemütliche „Hostal Akainij“. Als kleines Willkommen gibt es am Sonntag zu Mittag ein Asado (= Grillerei, meist Lamm, in Patagonien). Die ersten zwei Tage verbringe ich im Bett und versuche, mich auszukurieren. Es macht zwar nicht besondern viel Spaß herumzuliegen, aber zur mehr fehlt mir die Kraft. Nebenher erfahre ich jedoch einiges interessantes über die Isla Navarino, ihre Bewohner, das Museum, die Geschichte, und dass die meisten Besucher tatsächlich über Punta Arenas anreisen. 1978 kam es fast zu einem Krieg zwischen Argentinien und Chile in dieser Zone. Weiter westlich auf der Insel stehen noch immer Kanonen, die direkt auf Ushuaia zielen. Chile will die Verbindung zur Insel verbessern und eine Straße durch ein noch unberührtes Gebiet im chilenischen Teil Feuerlands bauen, um von hier aus, kürzere Fähr-Verbindungen anzubieten. Die Option, dass die beiden Länder einfach zusammen arbeiten und einander im Ausbau der Infrastruktur unterstützen, gibt es schlichtweg nicht. Andere Länder, andere Sitten!

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