Bolivien

Oruro, Bolivien in 3.706 Meter Höhe.

Nach 36 Stunden Busfahrt von Santiago aus entlang der Küste Nordchiles über die Stadt Iquique habe ich beschlossen, mich hier zu akklimatisieren. Was für eine Atmosphäre, den Geist der Anden zu spüre, allein schon als die Straße vom Meer weg immer steiler wird und der Altiplano sich schließlich vor mir ausstreckt. Im Bus bin ich die einzige Ausländerin. Auf der Straße staunen die Mädchen über meine blonden Haare und Schulbuben fragen einander flüsternd, ob ich wohl aus Japan stamme. Auf dem Markt – was für ein Markt!!!! – lächeln die „Cholas“ und nuscheln zwischen Aymara- oder Quetschua-Ausdrücken (zwei indigene bolivianische Landessprachen) das Wort „Gringa“. Ich fühle mich gut aufgehoben beim Padre Bernardino, dem ehemaligen Bischof von Coyhaique, zu dem mein lieber Freund Peter Hartmann aus Patagonien mich geschickt hat. Ich verbringe einige Nächte im Sanctuario de la Virgen de Socavón, eine Kirche, die auf einer ehemaligen Mine erbaut wurde. Diese Socavón Jungfrau zwischen der Jungfrau Maria und Pachamama (der Mutter Erde). Geschickt haben spanische Eroberer indigene Mythen mit biblischen Figuren verwebt, und so konnten die Anden-Bewohner vom katholischen Glauben überzeugt werden (äußerst kurz zusammengefasst).

Immer wieder lese ich, Bolivien sei eines der ärmsten Länder der Erde, doch ich sehe diese Armut nicht! Im Gegenteil. Die Menschen sind unendlich reich, allein was am Markt an Quinoa, angeblich 200 verschiedenen Kartoffelsorten, Mais, Gemüse, etc. verkauft wird. Davon können die Bauern in Patagonien nur träumen. Und trotzdem glauben die Bolivianer, sie seien arm, und eifern Chile nach. Doch es sind andere Werte, die im Bewusstsein der meisten Menschen „Reichtum“ bestimmen. Padre Bernardino hat in einem unserer Gespräche angemerkt: „Die eigentliche Conquista hat erst die letzten 50 Jahre stattgefunden, nicht vor 500 Jahren.“

Ich beschließe, den berühmten Uyuni Salzsee den unzähligen anderen Touristen zu überlassen und fahre weiter nach La Paz, Regierungssitz Boliviens. Während der etwas mehr als drei Wochen, die ich in diesem Land verbringen werde, werden die gerade begonnen Proteste und Straßensperren andauern. Bolivien ist berühmt-berüchtigt dafür.

Und so mache ich mich bald auf nach Coroico, in den Yungas – nicht wie die meisten anderen Rucksackreisenden mit dem Fahrrad über die „gefährlichste Straße der Welt“, sondern mit einem Minibus, begleitet von Eminem und Jay-Z Musik, die aus dem Handy eines jungen Bolivianers hinter mir alle Mitreisenden beglückt.  Als ich über mir ein paar Kondore entdecke, die sich vom Wind über die steilen Hänge der grün bewachsnen Yungas treiben lassen, wünsche ich mir nichts mehr als endlich andere Lieder, doch auch Rihanna ist nicht gerade meine Lieblings-„Sängerin“. Ich beschließe weg zu hören und konzentriere mich auf die immer dichter werdende Vegetation je tiefer wir die Serpentinen hinunter fahren, die Täler schmäler, die Luft wärmer und feuchter.

Die Ortschaft Coroico liegt ausgesetzt auf einer Art Hügelvorsprung mit Blick auf vier dieser schmalen Yunga-Täler. Die einzige ebene Fläche scheint der Hauptplatz zu sein. Sonst geht es nur entweder steil hinauf oder hinunter. In der Mittagshitze gehe ich hinauf zum „Hostal Sol y Luna“, wo ich für 23 Bolivianos (ca. € 2,50) zelte – mit traumhaftem Blick und zwei Swimmingpools. Sogleich mache ich mich auf den Weg hinauf auf den Berg Uchumachi, und obwohl ich gut ausgeruht bin, komme ich nicht voran. Mein Körper fühlt sich schwer an. Der Wind wird immer stärker. Aus zwei Himmelsrichtungen nahen Gewitter. So beschließe ich umzukehren. Schade! Gerne hätte ich die Orchideen im Wald dort oben und die Aussicht genossen. Doch im Hostal lerne ich Isabella aus Oberösterreich, die schon länger in La Paz lebt und gerade an ihrer Dissertation in Politikwissenschaften schreibt, und Oscar kennen. Die beiden erklären mir die Hintergründe der derzeitigen Proteste: Die Lehrer- und Medizinergewerkschaften verlangen nun, nachdem ihnen bereits 5 %-ige Lohnerhöhungen zugesagt wurden, 20 % mehr! Die Kinder haben im Zuge der Streiks fast 2 Wochen keine Schule. Und die Mediziner haben eine weitere Liste an Forderungen, von denen eine sich dagegen ausspricht, dass traditionelle Heiler in Bolivien den gleichen Status wie Ärzte bekommen – das wurde ihnen nämlich mit der neuen Regierung versprochen. Es heißt auch, dass die Opposition die Organisation der Proteste finanziell unterstützt, und diese wiederum von ausländischen (amerikanischen) Interessen finanziert wird. Denn die Regierung des Präsidenten Evo Morales, dem ersten indigenen Präsidenten des Landes, hat in der neuen Verfassung den Schutz traditioneller indigener Werte und Sprachen sowie der Erde verankert – das widerspricht freilich den neoliberalen Interessen multinationaler Konzerne, die ihre Augen auf die Lithium- und Erdölvorkommen gerichtet haben.

Nach einer Nacht, in der der Mond in mein geöffnetes Zelt hinein scheint,  verlasse ich schweren Herzens diesen wunderbaren Ort und mache mich auf nach Sapecho, um dort die Kakaobäume der bolivianischen Kooperative „El Ceibo“ zu besuchen. El Ceibo ist weder ein privater noch ein verstaatlichter Konzern, sondern gehört den Menschen, die hier arbeiten. Die Kakaobauer haben sich als sogenannte „Socios“ zusammengeschlossen und übernehmen selbst Verantwortung führ ihre Arbeit und ihr Leben. Als solches sind sie Mitgestalter, und jedes Familienmitglied gehört dazu.

Der österreichische Chocolatier Josef Zotter hat für seine 100 %-ige Schokolade einige Tonnen Kakao von El Ceibo gekauft. Seine Schoko kostet 3 € und immer wieder habe ich in Österreich gehört, dass sie zwar gut aber so unglaublich teuer ist. Alle Zutaten sind biologisch und Fair Trade. Er zahlt sogar freiwillig mehr als den Fair Trade Weltmarktpreis. Und ich frage mich, als ich mit einigen Bauernsöhnen von einer Familie zur anderen fahre, und die armseligen Behausungen mancher Bewohner sehe, wie das Leben der Kakaobauern aussieht, die noch viel viel weniger für ihre Produkte bekommen…

Auch die Frage, die mich seit Tagen beschäftigt, warum ich nicht auf diesen Berg Uchumachi bei Coroico gekommen bin, wird beantwortet. Brigida, die für den Aufbau einer Kooperative für Kakao, Zitrusfrüchte und Reis weiter im Norden im Amazonas-Gebiet zusammen mit einigen Bauern bei El Ceibo ist, um über Kakao zu lernen, erklärt mir: der Uchumachi ist ein „Apu“, einer der Berge der früher ein mächtiger Mensch war, und den man erst mit einer Opfergabe um Erlaubnis bitten muss, möchte man hinauf gehen. Ich habe nicht gefragt und konnte daher nicht hinauf. Ganz einfach!

In Sapecho werde ich mit Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft beschenkt, wie noch nie zuvor in meinem Leben. Ich fühle mich, als würde ich auf Händen getragen. Und als Don Francisco mich um halb 7 in der Früh zum Kollektiv-Taxi bringt, damit ich die 7-stündige Fahrt nach La Paz über schmale Straßen entlang unglaublich steiler Abgründe, die eine Woche zuvor noch wegen der Regenzeit nicht passierbar waren, bringt, verspreche ich, eines Tages wieder zu kommen. Und dieses Versprechen will ich halten.

Noch zwei spezielle Orte besuche ich in Bolivien: Tihuanaco und die Isla del Sol im Titicaca See. Am Osterwochenende wimmelt es in Cobacabana, der Wallfahrtsstadt am See, nur so von Menschen, daher hüpfe ich so rasch wie möglich auf ein Boot, um von hier aus über diesen großen See auf die Nordseite der Insel zu fahren. Zwei Nächte verbringe ich am Strand von Challapampa, wandere hinauf an die Nordspitze, wo eine Bucht nach der anderen immer „griechischer“ wirkt – nur die Schafhirten fehlen noch – doch die Quinoa-Pflanzen, die erst ab einer Höhe von 4000 Metern wachesen, und Tempelreste an diesem besonderen Ort erinnern mich daran, wo ich bin.

Begleitet von Andrés, einem jungen Argentinier, mache ich mich bei Tagesanbruch schließlich auf nach Yumani an der südlichen Spitze. Wir werden von atemberaubenden Ausblicken nach allen Himmelsrichtungen belohnt. Am Dach des Bootes sitzend, teilt Andrés noch Mate-Tee mit mir und anderen Mitreisenden. Ich blicke in Dankbarkeit, diesen besonderen Ort besucht zu haben, auf die Insel zurück und hinaus auf den See. So geht meine Zeit in Bolivien und die gesamte Reise langsam ihrem Ende zu.

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