Heimreise

Drei volle Tage dauert die Fahrt von La Paz nach Sao Paolo in Brasilien. Es gibt so vieles, was ich in Bolivien noch nicht kenne, daher besuche ich noch zwei italienische Freunde in Cochabamba, der Stadt, wo die Bevölkerung sich im Jahr 2000 erfolgreich gegen die Privatisierung des Wassers (sogar des Regenwassers) zur Wehr gesetzt hat.

Cochabamba ist außerdem wichtiger Handelspunkt für Kokablätter, die in Bolivien legal wie Kautabak oder auch als Tee konsumiert werden. Illegal ist erst das zu Kokain weiterverarbeitete Produkt. Die USA sind bemüht, den Kokaanbau weiter einzudämmen, doch für weite Teile der Bevölkerung ist dieser Landwirtschafts-Sektor der einzig wesentlich ertragreiche – so lange die Nachfrage nach Kokain aus dem Ausland bleibt, wird sich daran wohl auch nichts ändern!

Ich schlendere für eine Stunde  durch das Zentrum der „Stadt des ewigen Frühlings“ und frage mich, womit die Straßen und Gebäude, die hier weitaus ansehnlicher sind als in La Paz, finanziert werden.

Allzu viele Gedanken mache ich mir dann aber doch auch nicht, und fahre weiter mit dem Nachtbus nach Santa Cruz, der reichsten und angeblich oberflächlichsten Stadt Boliviens, mit mehr Schönheitswettbewerben als das Jahr Tage hat (laut Lonely Planet). Ich bin müde, will nur noch in Sao Paolo ankommen. Wenige Stunden später fährt auch bereits mein Zug ab, der mich an die Grenze zu Brasilien bringen wird. Die Zugfahrt ist ein Erlebnis. Ein deutscher ICE oder französischer TGV würde dieselbe Strecke vermutlich in weniger als vier Stunden zurücklegen. Ich fahre 18 Stunden mit dem Regionalzug. Eine halbe Stunde nach der Abfahrt aus Santa Cruz steigt eine Gruppe an Frauen ein, die Getränke, Empanadas (Teigtaschen) und warme Speisen verkauft. Sie fahren zwei Stunden mit, um dann bei einer Haltestelle in den entgegenkommen Zug einzusteigen, weiter zu verkaufen und wieder nach Hause zu fahren. Das Gleiche wiederholt sich am Abend.

Von Quijarro aus muss ich mit dem Taxi zur Grenze. Dort warte ich zwei Stunden auf die Öffnung der Grenzstation. Dann noch zwei Stunden bis alles abgestempelt ist. Dann geht’s mit dem Bus und einem freundlichen Kolumbianer zur Busstation von Corumba. Der Kolumbianer spricht glücklicherweise gut portugiesisch, wird aber auf Grund seiner verdächtigen Staatsbürgerschaft immer dreimal so lang wie ich, die junge blonde Europäerin, kontrolliert. Zusammen fahren wir weiter nach Campo Grande. Und von dort steige ich in den letzten Nachtbus nach Sao Paolo ein. Endlich! Zu Mittag erreiche ich diese Riesenstadt (die Mautstelle an der Autobahn kurz vor der Stadtgrenze hat gezählte 37 Fahrbahnen!!!). Nun bin ich da, habe aber kein brasilianisches Geld! Weit und breit finde ich keine Wechselstuben, nur Bankomaten, die mir aber nichts nützen, da mir auf einer Busfahrt in Chile unter anderem meine Bankkarte gestohlen wurde. Stundenlang verbringe ich mit der Suche nach einer, die erst am folgenden Tag erfolgreich endet. Die Stadt ist zu groß! Ich fühle mich überwältigt!

Als ich am zweiten Morgen in dem netten Hostal aufwache scheint die Sonne. Ein herrlich frischer Morgen. Hurra, ich gehe aufs Schiff! Was für ein Tag, mich von Latino America zu verabschieden!

Die MV Río Bravo liegt schon im 1 Stunde entfernten Santos. Gregorio ist bereits seit Montevideo (Uruguay) an Bord. Es ist schön, nun wieder zusammen zu reisen. Doch die Rückreise mit dem Schiff ist für mich wesentlich kürzer als die Hinfahrt und endet bereits nach 10 Tagen in Tanger, Marokko. Wir verbringen noch ein paar wunderschöne Tage in der atemberaubenden spanischen Stadt Granada, wo wir den Beginn der „Bewegung 15M“, die sich für eine Veränderung im System im Zuge der spanischen Kommunalwahlen einsetzt. Solche Proteste habe ich noch nie erlebt! Hier wird nicht „gegen“ etwas demonstriert, sondern „für“ etwas Neues. Die Menschen wollen Veränderung, trommeln auf ihren Riesentrommeln, voller optimististischer Freude und Hoffnung tanzen sie durch die Straßen! Ein Geschenk, dies mitzuerleben. Doch es geht weiter in Richtung Heimat.

So treffen wir Freitag Nachmittag in Paris ein. Gerade rechtzeitig, um an den internationalen Protesten für ein „Patagonia Sin Represas“ (Patagonien ohne Staudämme) teilzunehmen. Die Welt ist im Umbruch! Viele Menschen sind sich dessen bewusst und wir sind mittendrin! Viele Chilenen leben in Paris. Sie kamen in den Jahren der Pinochet Diktatur, bauten sich hier ein neues Leben auf und blieben.

Wir verbringen das Wochenende bei unseren lieben und lustigen Freunden, Odile und Fredi, denen wir in Patagonien am Weg in den Pumalín Park zum ersten Mal und kurze Zeit später an der „Confluencia“ von Río Baker und Río Nef wiederbegegnet sind. Diesem magischen Ort, wo sich der Fluss in all seiner Schönheit offenbart und eines Morgens, so schien es, nur für mich getanzt hat. Wo Marianne jeden Morgen trommelt. Wo wir mit Romeo und Noemi unter freiem Sternenhimmel geschlafen haben. Wo wir stundenlang saßen und dem Fluss zugehört haben. Diesen Fluss, der nicht durch den Bau von Mega-Staudämmen zerstört werden darf!

Fredi kommt gleich mit zur Protest-Kundgebung vor der chilenischen Botschaft. Er weiß genau, wo sie sich befindet, da er in den 70er Jahren bereits gegen das Pinochet-Regime demonstriert hat! Der Abend endet für die Chilenen singend und tanzend am „Trocadéro“ mit Blick auf den Eiffelturm, vor dessen Hintergrund die vielen Plakate und Chilenen äußerst fotogen wirken!

Noch nie bin ich derart bewusst von einer Reise Heim gekehrt. Die vergangenen Monate haben viel in mir bewegt und das Gefühl, als der Zug über die Salzach nach Österreich fährt, ist unbeschreiblich. Es ist schön und wichtig, Menschen um mich zu haben, die in dieselbe Richtung blicken und auch dorthin gehen, jeder in seiner eigenen Gangart. Willkommen zu Hause!

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