Isla Navarino & Smaragde

Nach ein paar Tagen geht es mir langsam besser. Eigentlich hat mich an der Isla Navarino immer der „Dientes de Navarino Trek“ interessiert, eine viertägige Wanderung um einen Berg, der wie ein kaputter Zahn aussieht.

Das steht diesmal weder zeitlich noch gesundheitlich auf dem Programm. Auch die kleineren Wanderungen muss ich verschieben. Als ich endlich mit meiner Arbeit beginne, hat meine Reise so langsam wieder Sinn. Kranksein kann ich auch zu Hause im Kreis meiner Familie.

So besuche ich das Museum und führe nach und nach Interviews mit den unterschiedlichen Bewohnern von Puerto Williams, quasi der „Hauptstadt“ der Insel. Es sind kurze Interviews, die thematisch eine sehr klare Fragestellung verfolgen. Mir macht es einfach immer wieder Spaß, durch meine Arbeit die Menschen in verschiedenen Teilen der Welt kennen zu lernen und so diese Welt schrittweise ein bisschen mehr zu verstehen.

Puerto Williams wird eigentlich nur aus strategischen Gründen bevölkert. Es dient Chile als militärischer Stützpunkt am Eingang zur Antarktis. Auf der Nordseite der Insel führt eine einzige Straße von Ost- zur Westküste der Insel. Der Rest ist Natur. Ein kleines Netz an Wanderwegen gibt es, für dessen ausgiebige Erkundung man gut und gerne drei Wochen aufwenden könnte. Das machen nur wenige. Die meisten Touristen begnügen sich mit Tagesausflügen oder Bootsfahrten zu den umliegenden kleineren Inseln oder dann doch in die Antarktis oder zum Kap Horn. Am Freitag den 29.1. begeht Chile die 400-Jahr-Feier zur Entdeckung des Kap Horns. Selbst die Präsidentin Bachelet reist dafür mit Helikopter oder Schiff (je nach Wetterlage) an. Bis dahin bin ich freilich wieder in Ushuaia.

Sehenswert ist das Martin Gusinde Museum, benannt nach dem österreichischen Theologen und Anthropologen, der in den 1920er Jahren nennenswerte Zeit mit der Yagan-Bevölkerung, den Einheimischen der umliegenden Inseln, verbrachte und wertvolle Aufzeichnungen über eine damals bereits aussterbende und heute nicht mehr existente Kultur mitbrachte. Eine einzige „reinblütige“ Yagan gibt es noch: Cristina Calderón. Sie lebt in der Siedlung Ukika, gleich neben Puerto Williams. Ukika wurde 1960 den Nachfahren der Yagan als Wohnraum zur Verfügung gestellt. Es liegt an der Mündung eines kleinen Flusses ins Meer, eingebettet zwischen zwei Hügeln. Viel gemütlicher und wildromantischer als Puerto Williams, das mehr und mehr ausgebaut wird. Die – vor allem von der Marine entsandte – Bevölkerung der Stadt wächst immer mehr. Viele sind interessiert an den Yagan. Doch die, es heute noch gibt, wissen selbst kaum noch etwas über ihre Vorfahren. Nur Großmutter Cristina, wie sie genannt wird, spricht heute noch die Sprache.

Ich spüre Hemmungen, einfach ins Dorf zu gehen und diese Frau anzusprechen. Wer gibt mir das Recht, einfach aus persönlichem und beruflichem Interesse in die Privatsphäre anderer Menschen einzudringen? Ich bin dankbar, diese Hemmschwelle wahrzunehmen und betrachte es als gesunden Respekt den Menschen gegenüber, über die ich schreibe und die ich filme. Es fällt mir nicht wirklich schwer, Fremde anzusprechen. In einer fremden Sprache, die mich, auch wenn ich sie noch so gut beherrsche, emotional niemals so unmittelbar berühren wird wie die Muttersprache, geht das noch ein bisschen einfacher. So sehr wie in den Tagen, bevor ich nach Ukika gehe, ist es mir noch nie vorher aufgefallen. Vielleicht ist das die Erfahrung, die ich in den vergangenen Jahren im Zuge meiner Projekte gemacht habe. Die Dankbarkeit, für das, was mir Menschen, die mich nicht kennen, ermöglichen, nämlich in völlig fremde Welten einzutauchen und mich an ihrem Leben teilhaben zu lassen. Und das, obwohl sie wirklich völlig andere Probleme zu bewältigen haben, als eine fremde Filmemacherin zu umsorgen. Ich betrachte diese Erlebnisse nicht als selbstverständlich und bin gerührt, wenn Menschen mir die Tür zu ihrem Leben öffnen. Gleichzeitig habe ich gelernt, anders zuzuhören und genauer auf das zu achten, was sich hinter Worten verbirgt. Was könnte von mir erwartet werden? Was kann ich zurückgeben? Geld, Zeit, oder einfach nur Aufmerksamkeit, Hoffnung? Ich habe gelernt, achtsamer in diesen Begegnungen zu sein, respektvoller. Und so nehme ich all meine Kräfte zusammen und gehe nach Ukika. Ja, es kostet Kraft. Ich muss all meine Sinne ausfahren und versuchen, mich in einer doch heiklen Situation angemessen zu verhalten. Dabei geilt es immer, die Geschichte, die zu erzählen ich hier bin, im Auge behalte.

Ukika ist kleiner als ein Dorf. Es sind lediglich ein paar Familien, die hier zusammenleben. In Ukika treffe ich auf Martin, einen der Neffen Großmutter Cristina. Ich frage ihn, wo ich sie finde. Wir stehen direkt vor ihrem Haus. Als wir eintreten, soll ich mich sogleich an den Tisch setzen. Ich fühle mich wohl bei ihr. Großmutter Cristina ist Besuch gewöhnt. Viele kommen, um mit ihr zu reden und sie zu fotografieren. Sie gilt als lebendiges Kulturgut in Chile. Daher hat ihr die Regierung vor ein paar Jahren ein neues Haus gebaut. Es ist gut isoliert und hat die besten Fenster, die ich je in Chile oder Argentinien gesehen habe. Andere erzählen mir, dass die alte Dame keineswegs bevorzugt behandelt wird, wenn sie für Interviews oder Konferenzen eingeladen wird. Angeblich bekommt sie die billigsten Plätze auf ihren Reisen. Zu jeder Geschichte gibt es mehrere Seiten, und ich bin nicht hier, um diese zu erzählen.

Als Cristina geboren wurde, waren ihre Verwandten schon so gut wie vollständig assimiliert. Die Yagan kamen vermutlich vor fast 10.000 Jahren an den südlichen Zipfel des Kontinents, als die Inseln noch keine Inseln, als es wärmer war. Sie passten sich an die Umgebung an. Auch als es wieder kälter wurde. Sie trugen keine Kleidung, waren selbst im eisigen Winter nackt. Das fette Fleisch der Seelöwen und Wale war wichtiges Nahrungsmittel, das sie gegenüber der Kälte resistent machten. Sie lebten nomadenhaft in den vielen Kanälen, hölzerne Kanus waren ihre Transportmittel. Freilich gab es damals weder Chile noch Argentinien. Großmutter Cristina wurde 1928 in Ushuaia geboren. Ihre Neffen, Nichten und eigenen Kinder teilweise auf der Isla Navarino, teilweise auf anderen kleinen Inseln. Viele von ihnen bewegten sich noch frei mit ihren Kanus hinüber ans andere Ufer nach Argentinien. Heute ist das nicht mehr möglich. Lediglich bis zur Hälfte des Beagle Kanals dürfen sie fischen. Wer zu weit hinüberfährt, dem nimmt die argentinische Marine die gesamte Fangausrüstung weg. Die ist überlebensnotwendig. Die Nachkommen der Yagan fischen noch immer, hauptsächlich für den Eigenbedarf und heute natürlich nicht mehr Wale oder Seelöwen sondern Centolla, die antarktische Königskrabbe.

Cristinas Neffe Martin kann noch selbst Kanus bauen. Er hat auch das Kanu im Museum gezimmert. Die Frauen lernen wieder Körbe flechten, um kleine Souvenirs als ihre ursprüngliche Handwerkskunst zu verkaufen. Ich habe gelesen, dass Großmutter Cristina ihr Leben lang Körbe flicht. Sie selbst erzählt mir, dass sie damit erst vor ein paar Jahren begonnen hat, um etwas Geld zu verdienen. Andere Traditionen? Sind nicht mehr existent. Die Nachkommen der Yagan sind eine unterprivilegierte Gruppe in der chilenischen Gesellschaften ohne besondere Ausbildung, Kenntnisse und berufliche Möglichkeiten. Immer, wenn ich bei Großmutter Cristina zu Besuch bin, bringt mir Clara Tee. Clara ist Mitte 20, kommt aus Santiago und mit ihrem argentinischen Freund Nacho aus Ushuaia für zwei Monate zu Besuch. Sie machen mit den Bewohnern von Ukika einen Fotografie Workshop und beginnen an der Basis; d.h. sie basteln selbst einfache „Kameras“ und machen Aufnahmen. Diese Bilder zeigen Szenen aus dem Alltag der Menschen. Ich bin beeindruckt und berührt. Sie inszenieren sich und ihre Kultur, wie sie sich selbst sehen und machen daraus Kunst. Ich bewundere Clara und Nacho für diese geniale Idee. Wer weiß, was daraus noch entsteht! Jedenfalls hilft es den Nachfahren der Yagan vielleicht ein bisschen dabei, ihr Erbe zu zelebrieren und selbstbewusst in die Welt hinaus zu tragen. Auch wenn davon nicht mehr viel übrig ist, bekommt die Yagan Kultur durch diese Fotos ein neues Gesicht und Ausdruck!

Zwischen den Interviews komme ich nur langsam wieder zu vollen Kräften. Ich bin ohnehin die ganze Zeit zu Fuß unterwegs und unternehme nur zwei Spaziergänge entlang der Straße, die aber so wenig befahren ist, dass man als Fußgänger getrost in der Mitte gehen kann. Die Landschaft ist atemberaubend, selbst der Weg zum Flughafen, wo ohnehin nur einmal pro Tag ein Linien-Flugzeug landet. Ich spaziere zwischen Busch-Wäldern, überquere eine Brücke über die Lagune. Auf der linken Seite öffnet sich eine Grassteppe. Die Sonnenstrahlen des späten Nachmittags tauchen die Steppe in goldenes Licht.
Ein anderes Mal gehe ich bis zum Einstieg des Dientes de Navarino Wanderwegs. Teilweise führt die Straße steil bergauf. So bietet sich ein einzigartiger Blick über die Wälder und Sümpfe auf den Beagle Kanal und Feuerland dahinter.

Für meinen letzten Tag auf der Isla Navarino ergibt sich spontan die Möglichkeit, dass ich mit Großmutter Cristina, ihrer Nichte Julia, Clara, Nacho und ein paar Kindern nach Mejillones fahren kann. Hier ist der Yagan Friedhof. Doch daraus wird am Ende doch nichts. Als ich zum Abendessen in mein Hostal komme, erfahre ich, dass morgen die einzige Möglichkeit in dieser Woche sein wird, nach Ushuaia hinüber zu kommen. Der Motor von Ushuaia Boating ist schon wieder kaputt, und er hat einen Deal mit einer anderen Firma ausgemacht, die normalerweise das doppelte verlangt und all seine Reservierungen in einer Fahrt hinüberbringt. Segelschiffe fahren diese Woche auch keine mehr nach Ushuaia. Sie sammeln sich bereits in Puerto Williams um von hier aus weiter in die Gegenrichtung zum Kap Horn zu fahren und dessen 400-jährige „Entdeckung“ zu feiern. Die Yagan kannten es sicher schon vor 1616, aber da hieß es eben nicht Kap Horn und war nicht wichtig für die internationale Schifffahrt. Mir bleibt nichts anderes übrig als noch früher als ohnehin schon zur Sicherheit eingeplant nach Ushuaia zurückzufahren. Ich verfluche Ushuaia Boating.

Immerhin dauert die Überquerung des Beagle Kanals von Puerto Navarino nach Ushuaia nach einer eineinhalbstündigen Autofahrt über die halbe Insel nur mehr eine halbe Stunde. Wunderbar, aber ich will ja gar nicht in Ushuaia sein. Ushuaia ist teuer. Ushuaia ist touristisch. Ich muss mich sehr anstrengen, die drei Tage Zwischenstation zu akzeptieren. Es gelingt mir dann auch. Und ich werde belohnt. Als ich an meinem letzten Tag hier aufwache, scheint die Sonne. Die Morgenluft riecht herrlich erfrischend. Es verspricht, ein schöner Tag zu werden. Ich spreche kurz mit Pablo, dem Burschen an der Rezeption in meinem Hostel La Posta, und eine Stunde später sitze ich im Kollektiv-Taxi ins Landesinnere. Die Wanderung zur Laguna Esmeralda ist ein herrlicher Abschluss von zwei Arbeitswochen im südlichsten Teil Patagoniens. Es ist eine leichte Wanderung durch Wälder und Steppe, entlang eines Flusses und schließlich hinauf zur Lagune am Fuß eines Gletschers. Ich liege am Ufer, blinzle in die Sonne und esse zufrieden mein Avocado Sandwich. Ich lausche dem Wind, den Vögeln, dem Nichts und bin zufrieden. Esmeralda heißt Smaragd. Wie Smaragde glitzert das türkisblaue Wasser und lässt sich vom darüber wehenden Wind leicht kräuseln.

Ein Calafate-Eis bekomme ich auch noch im Zentrum von Ushuaia. Wer Calafate-Beeren isst, so heißt es, der kommt eines Tages wieder nach Patagonien. Mit rotem Gesicht von der Wanderung in der Sonne kann ich mich zufrieden verabschieden.

You may also like

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.