Mein innerer Frieden (La Palma – Belém)

Eine liebe Freundin erzählte mir im Herbst von einem „Peace Studies“ Lehrgang auf der Universtität Innsbruck, in dem die Studenten mit Situationen konfrontiert werden, die ihr eigenes friedvolles Verhalten auf die Probe stellen.

Am 28. Dezember erreichen wir die nordbrasilianische Stadt Belém, und ich habe das Gefühl, meinen Master-Lehrgang in Peace Studies hiermit abzuschließen!

20 Tage waren wir auf See und haben den Atlantik um einiges schneller als erwartet überquert. Auf Grund der Windverhältnisse kommen wir zunächst jedoch einfach nicht von La Palma weg! Jedes Mal, wenn ich nach der Ruhezeit aus meiner Kajüte wieder an Deck hoch kletterte, sind wir noch genauso nah an der Insel, wie wenige Stunden zuvor, als ich mich schlafen legte. Zwei Tage lang manövrieren wir, um das Schiff überhaupt auf Position zu halten. Wieder bin ich die ersten Tage über seekrank, doch immerhin diesmal ohne mich über die Rehling beugen zu müssen. Irgendwann – das Zeitgefühl verschwimmt wieder durch die vier bzw. maximal sechs Stunden Ruhepausen – ist endlich nur mehr Wasser um uns herum. Der Wind hat gehörig zugelegt. Daher sind nun überall an Bord Sicherheits-Seile angebracht und wir müssen Klettergurte tragen und uns immer in die Seile einhängen, damit wir nicht womöglich von einer heftigen Welle überrascht und weggespült werden. Ich bin so müde, dass ich während einer Nacht-Wache fast im Stehen einschlafe, und bin froh, an den Seilen zu hängen, da meine Beine mich nicht mehr wirklich tragen. Ich bin nicht die einzige, der es die ersten drei Tage alles andere als gut geht, doch eines Nachts wird es langsam wieder. Belohnt werden wir von Delfinen, die uns für eine kurze Strecke begleiten. Sie sind zauberhaft, kaum zu sehen, nur ihre Schatten tauchen immer wieder aus dem Wasser hervor, und der Mond lässt ihre feuchten Körper kurz aufblitzen, bevor sie wieder untertauchen.

Zu Beginn der Dezember-Vollmondnacht verschwindet die Sonne langsam hinter der kapverdischen Insel Sao Nicolaos am Firmament, direkt gegenüber von ihr, auf der anderen Seite unseres Schiffs, hebt sich zur selben Zeit der Vollmond empor. Es ist, als würden Sonne und Mond einander zublinzeln, bevor jeder seines Weges geht, als würden Männlichkeit und Weiblichkeit einander in voller Größe und Pracht gegenüber stehen, zwischen ihnen die Erde mit uns kleinen Menschen auf der Tres Hombres als Spielbälle.

Eigentlich ist ja vorgesehen, dass wir vor der kleinen Insel Brava auf den Kap Verden für ein paar Tage ankern, doch die Bedingungen in der Bucht, der Wind, die Felsen, erweisen sich als äußerst ungünstig. Ein Fischerboot kommt zu uns gefahren, nimmt wie vereinbart einige Waren und Jean-Marie, einen unserer Trainees, mit, der beschlossen hat, hier auszusteigen. Bereits nach einer Stunde hat es uns näher an den Strand getrieben und es geht es wieder weiter, ohne dass wir Land betreten hätten. Wir müssen ganz stark am Wind hinaus segeln aus der Bucht, daher gleichzeitig ein Segel nach dem anderen hissen und den Anker lichten. Für eine halbe Stunde ist höchste Konzentration angesagt, die Atmosphäre ist spannungsgeladen aber auf eine Art, die zu Höchstleistungen anregt. Der Skipper brüllt vom Steuerrad Kommandos, wir ziehen mit voller Kraft an den Seilen, vorne an der Ankerkette schreien und pumpen sich vier die Seele aus dem Leib. Als wir weit genug an einem Klippenvorsprung vorbeigesegelt sind, beginnt die eigentliche Atlantik-Überquerung.

Da konnten unsere Essens- und Wasser-Vorräte nicht wie erwartet noch einmal auf den Kap Verden aufstocken konnten, heißt es ab sofort rationieren und sparsam mit dem Wasser umzugehen. Richtig sparsam. Wir dürfen noch einmal die Woche Wäsche waschen, uns selbst so wenig wie möglich. Irgendwie bin ich froh darüber, dass wir gar nicht länger auf den Kap Verden geblieben sind, da so langsam meine Vorfreude auf unsere Ankunft und auf meine Weiterreise steigt, ebenso wie eine Ahnung, wohin ich von Belém aus weiterfahre.
Nach 10 Tagen auf See mache ich es Annick nach und setze mich wie ein kleines Kind mit meinem Hinterteil in einen großen Kübel Wasser, die Beine und Arme baumeln an der Seite. Was für eine Freude, in der „3 Hombres Badewanne“ zu baden und im Wasser zu plantschen, mich zu waschen und zu pflegen! In dem Augenblick, als ich im Wasser sitze, steigt meine Laune und ich lächle zufrieden von einem Ohr zum anderen. Biz und Alex gönnen sich ebenfalls einen Kübel. Hier empfinden wir diese Einfachheit als puren Luxus!

Je mehr wir uns dem Äquator nähern, desto wärmer wird es. Die Luft im Boot ist sowieso ständig feucht, und mittlerweile sind wir schweißnass. Mein Schlaf fühlt sich unter diesen Verhältnissen richtig fiebrig an. Ich wache meist erschöpft und genervt auf, stolpere an Deck und versuche immer wieder so gut wie möglich, mich zurück zu ziehen. Tagsüber läuft ständig Musik, und meist wird geredet. In mir schreit es: „Ich will meine Ruhe!“ Ich wünsche mir einfach nur Stille, Raum, Nichts. Je länger wir unterwegs sind, desto schwerer fällt es mir, anderen gegenüber gelassen zu sein. Gerade wenn mich der Gesprächsstoff nicht interessiert, werde ich ungeduldig und schlecht gelaunt.
Ich lerne viel über friedvolles Zusammenleben von unterschiedlichsten Menschen und möchte mir viel davon mitnehmen von dieser Reise. Manchmal wünschte ich mir, ich könnte toleranter und liebevoller, ja sogar unterstützender mit anderen umgehen, aber es gelingt mir einfach noch nicht. Ich lerne, und genau darum geht es mir ja auf dieser Reise; zu lernen, zu wachsen, und so viel wie ich eben kann davon umzusetzen.

Da wir für die Überquerung ab jetzt nicht mehr großartige Manöver erwarten, werden wir für die Wache in drei kleinere Gruppen geteilt, was bedeutet, dass wir nun längere Ruhepausen haben. Herrlich! So bleibt nicht nur mehr Zeit zum Schlafen sondern auch zum Lesen, Schreiben oder einfach Nichts tun und aufs Meer blicken. Obwohl es immer wieder heißt „Segeln ist nicht romantisch!“, gibt es doch immer wieder genau diese romantischen Augenblicke, die wahrscheinlich mehr in Erinnerung bleiben werden als die Anstrengungen der Überfahrt.

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Hier draußen am Atlantik, ohne ein Stückchen Land in Sicht, empfinde ich es als kaum vorstellbar, dass der Großteil unseres Planeten Erde mit Wasser bedeckt ist, auf dem wir gerade dahin segeln. Unser eigentlicher Lebensraum ist so begrenzt, der Rest bleibt unerforscht, lässt seine Vielfalt nur erahnen und bleibt uns als Menschenwesen unzugänglich. Wie schön, wie gigantisch, dass es noch mehr gibt hier um und unter uns, dass es sich durch die Wellen und durch den Wind ständig wandelt und wir es nie betreten können, nur kurz berühren, für einen kurzen Augenblick, bevor es sich durch die Bewegung wieder verändert.

Es wird beschlossen, nicht Weihnachten zu feiern, da auf Grund der nationalen Bräuche, mit denen die unterschiedlichen Menschen an Bord aufgewachsen sind, ohnehin fraglich gewesen wäre, welchen Tag wir dafür wählen. Daher zelebrieren am 21.12., dem Tag der Wintersonnwende, Wikinger-Weihnachten. In La Palma haben wir für ein „Wichtel“-Spiel Namen aus einem Hut gezogen und so gibt es eine kleine Bescherung, nicht unter dem Christbaum sondern dem Mast. Die Geschenke dürfen und können wir ja nicht kaufen, so ist Kreativität gefragt. Es ist beeindruckend, wie vielfältig die Geschenke und Talente sind, die an diesem Nachmittag zu Tage treten und die wir nur aus dem, was wir an Bord finden, zaubern: Schnitzereien, ein Gedicht, Zeichnungen, eine kleine Handtasche, … Bei mittlerweile 30 Grad im Schatten gibt es ein deftiges Kürbis- und Erdnussgericht zu Abend und auch hier verbinden sich die unterschiedlichen Talente, Ideen und europäischen Kulturen, die ein einzigartiges Festmahl zusammenzaubern.

Am 24.12. singe ich trotzdem die 1. Strophe von „Stille Nacht“ und denke an meine Lieben zu Hause. In vielen Gesprächen an Bord werden in diesen Tagen Erinnerungen und Anekdoten ausgetauscht Hier draußen am Atlantik ist es eigentlich wie Weihnachten zu Hause– bis auf die warmen Temperaturen: wir „müssen“ zusammen leben, teilen unseren Alltag, helfen einander, und versuchen, mit den Spinnereien der einzelnen Gemeinschafts-Mitglieder zurecht zu kommen; wie mit der Familie!

In meinem persönlichen „Peace Studies Master Lehrgang“ sehe ich mich mit all meinen Facetten konfrontiert, wo ich im Wechselspiel mit den anderen auf derartig engem Raum mir selbst nicht davon laufen kann. Statt als Gefängnis empfine ich es mehr und mehr als richtiggehende Befreiung der Angst vor meinen „Schattenseiten“. Ich verspüre manchmal kaum Erwartungen an mich selbst, habe nicht das Ziel „gut“ in irgendetwas zu sein oder viel über das eine oder andere zu lernen, bis auf ein paar Sie Segel-Erfahrungen, die ja mit ausschlaggebend dafür waren, diese Reise anzutreten. In manchen Augenblicken sitze ich einfach nur da und fühle mich in dieser Ausnahmesituation und mit den Menschen um mich herum pudelwohl.

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Auf einmal werden die Tage weniger und bei einer Musterung ist es offiziell: es bleiben noch etwa zweieinhalb Tage bis zu unserer Ankunft in Belém. Wir hatten Glück mit den Winterverhältnissen in Äquator-Nähe und sind konstant gut voran gekommen. Das Top-Gallant Segel, das bei dem starken Wind nach La Palma gerissen ist und an dem wir zwei Wochen lang täglich genäht haben, ist mittlerweile tatsächlich repariert und wieder im Einsatz. Plötzlich fahren wir nach Anbruch der Dunkelheit, ziemlich nah an ein Fischerboot heran, das mit Blinklichtern hektisch auf sich aufmerksam macht. An diesem Abend bleibt die ganze Mannschaft wach, da wir gegen 20:45 Uhr feierlich den Äquator überqueren. Am nächsten Morgen herrscht bereits freudige Ankunftsstimmung, um uns herum sind wieder mehr Boote und Frachtschiffe und wir halten nach den Bojen Ausschau, die die Einfahrt zum Río Para kennzeichnen. An jenem Abend ankern wir bereits im Fluss, und am nächsten Morgen holen uns zwei Schlepper-Boote ab, die uns drei Stunden lang ziehen, bis wir direkt an der „Estacao dos Docas“ im Zentrum von Belém anlegen. Einige Schaulustige sind bereits da, wir putzen das Schiff gründlich vor der Einreiseinspektion, Radio und Fernsehen kommen für Interviews. Endlich betreten wir wieder Land und werden Neujahr zur großen Freude aller hier feiern.

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