Monte Salvado

10 Erwachsene, 3 kleine Kinder, 30 kg Reis, drei mit Benzin gefüllte Blechtonnen, ein Korb mit Küken, meine Kameraausrüstung und vieles mehr.

Alles und jeder findet Platz auf dem motorbetriebenen Kanu, mit dem wir Sonntag Vormittag von Puerto Maldonado am Madre de Díos Fluss ablegen. Wenig später biegen wir ein in den Río Piedras, wo sich schlagartig die Atmosphäre ändert. Anders als am Río Madre de Díos und am Río Tambobata, die sich bei Puerto Maldonado treffen, wird hier kein Gold abgebaut, was zu schweren Quecksilber Verseuchungen des Wassers und der Fische führt. Es wird ruhiger, sanfter und wir tauchen ein in den peruanischen Dschungel.
Vier Tage dauert die Anfahrt mit dem kleinen Motor zur Comunidad Monte Salvado, der letzten Ureinwohner Ansiedlung vor der so genannten Zona Reserva, die der Natur und den nicht-kontaktierten indigenen Völkern vorbehalten ist. Die Tage sind gefüllt mit Blödeln, Schlafen und Essen. Die Frauen kochen in der Früh vor, dann wird mit Tellern und Besteck gegessen, das Geschirr während der Fahrt im Fluss gewaschen und für die nächste Person wieder angefüllt.

_MG_4646  _MG_4663_MG_4680  _MG_4697

Die Nächte verbringen wir abwechseln in anderen Ureinwohner-Gemeinden, die am Weg flussaufwärts liegen und in einer Herberge. Überall, wo wir hin kommen, wird uns als erstes ein Plastikbecher mit Masato gereicht, dem traditionellen Getränk der Yines-Stämme auf Yuca-Basis. Mit offenen Armen werden wir empfangen und vorgestellt. Jeder möchte wissen, woher wir kommen, uns weshalb wir hier sind. Ich möchte von ihnen lernen und dokumentieren, den Menschen zu Hause zeigen, warum es wichtig ist, Orte wie Monte Salvado zu erhalten und zu unterstützen.

Teodoro, der Gründer von Monte Salvado, versucht immer wieder vom fahrenden Kanu aus, auf Wasserschildkröten zu schießen. Schildkröten mögen langsam sein, doch sobald sie das sich nähernde Motorengeräuschen vernehmen, plumpsen sie ins Wasser, oder aber die Gewehrkugel bleibt im Lauf stecken – sehr zur Belustigung von uns Mitfahrenden. In der Dämmerung hat er schließlich bei einem Capybara (Wasserschwein, das größte Nagetier der Erde) mehr Glück, sehr zur Freude unserer Gastgeber am Abend, die es sogleich zubereiten.

Zu Mittag des vierten Tages erreichen wir Monte Salvado, dias auf einer Art Plattform liegt, etwa 10 Meter über dem höchsten Flussstand zur Regenzeit. Oben an den Häusern stehen Erwachsene und zahlreiche Kinder, die sofort zur Stelle sind, um das Gepäck und die Fracht an Land zu schaffen, und uns voll Freude über ihren Besuch zu begrüßen. Ich reise gemeinsam mit Ruben, einem peruanischen Bergführer, der im Regenwald aufgewachsen ist und den Dschungel gut kennt. Nun unterstützt er mich in Monte Salvado bei meinen Dreharbeiten, und ich bin froh, nicht allein zu sein. Die kulturellen Unterschiede machen sich in alltäglichen Kleinigkeiten bemerkbar, da tut es gut, jemanden zur Seite zu haben, der zwar noch nie in Europa war, durch seine Arbeit aber unsere Kultur kennt und für die bestmögliche Umsetzung meines Projektes sorgt.

Die Gruppe der Männer, die den Standort gemeinsam als Parkwächter betreut, setzt sich gleich einmal mit uns im Puesto zusammen. Hier gibt es eine Art Kommunikations- und Arbeitsraum mit Funkgerät, Computer und zwei Telefonen. Vor dem Holzgebäude steht eine riesige Sat-Schüssel für die Funk-Kommunikation mit der Außenwelt. Die vier Gästezimmer sind spärlich mit je einem Stockbett und einem kleinen Regal ausgestattet, die Fenster mit Moskitonetzen abgedeckt. An das Gebäude angeschlossen ist der sogenannte Speiseraum, der derzeit noch auf einige Ausbesserungsarbeiten und auf seinen Einsatz eines Tages beim Besuch von Touristen wartet.
Wir können uns nur kurz ausruhen, denn schon ruft Teodoro zum Geburtstagsfest eines zweijährigen Zwillingspärchens. Die gesamte anwesende Gemeinde sitzt in einer Art überdachten Pavillon, durch den immer wieder eine Brise kühlender Wind weht, singen Geburtstagsständchen in der Stammessprache Yines und auf Spanisch. Anschließend gib es für alle etwas zu essen und selbstverständlich Masato. Die noch sehr junge Mutter stillt immer wieder dazwischen. Dazu trappeln die kleinen weinend und nach dem Busen greifend zur Mama, die wie alle Mütter hier in der Comunidad ihre Kinder über den zweiten Geburtstag hinaus stillen.

Anschließend wird Volleyball gespielt – der peruanische Volkssport. Obwohl ich noch keine Kinder habe, spiele mit dem Team der Mütter gegen die „Señoritas“, und doch scheine ich in meinem Team die Älteste zu sein. Die Peruanerinnen spielen richtig gut. Obwohl es heute ausnahmsweise nicht regnet bleibt niemand bei Sonnenschein und durchschnittlich über 90  Prozent Luftfeuchtigkeit trocken.

Ich freue mich darauf, abends beim Einschlafen die Geräusche des Dschungels zu hören, doch habe ich die Rechnung ohne den Generator gemacht, der täglich zwischen ca. 18:30 und 21 Uhr hinter dem Puesto vor sich hin rattert. Er bietet die einzige zusätzliche Stromversorgung zu den kleinen Panelen, wodurch die Comunidad zum Abendessen zumindest spärlich mit Licht versorgt wird und gemeinsam die Landes-Nachrichten sehen kann.

Die ersten Tage filme ich noch weniger, um mich selbst einzuleben, die Menschen kennen zu lernen und ihnen zu ermöglichen, mich auch ohne das Gerät kennen zu lernen. Teodoro kümmert sich rührend darum, dass ich alles, was ich mir vorstelle in den Kasten bekomme! Er verhält sich sehr zurückhaltend und respektvoll, Small-Talk scheint er nicht zu kennen, doch wenn er spricht, dann bietet er Informationen, die aufhorchen lassen!

Die Comunidad Monte Salvado zeigt, was Gemeinschaft bedeutet und lebt es beispielhaft vor. Hier gibt es keinen (und wenn doch nur wenig) Nachbarschaftsneid. Die Menschen in Monte Salvado sind eine große Familie. Familie hat in Lateinamerika noch immer einen viel höheren Stellenwert als bei uns. Die Familie als Basis der Gemeinschaft bedeutet, dass das Leben darin besteht, sich um das Wohl der anderen Mitglieder genauso zu kümmern wie um sein eigenes. Das ist zum einen unter derartigen Lebensumständen überlebensnotwendig, andererseits sorgt es für gefühlte Lebensqualität, die in Europa oft abgeht.

Ein Beispiel für das gemeinschaftliche Miteinander ist das System der so genannten „Minga“, mit dem die Menschen von Monte Salvado auf ihren Feldern arbeiten. Der Begriff „Minga“ (oder Minka in der Quechua-Sprache) beschreibt das kollektive Zusammenarbeiten zum Zweck des Gemeinwohls.
In unserem Fall bedeutet es, um 6 Uhr Früh aufzustehen. Mit einer Abordnung von mindestens 20 Erwachsenen und Jugendlichen geht es mit dem Kanu zu Teodoros Yuca-Feld einige Minuten flussabwärts. Unkraut zupfen im Urwald bedeutet, die Yuca Pflanzen dreimal im Jahr von Schlingpflanzen zu befreien. Dem stärkeren Gestrüpp geht es mit der Machete an den Kragen, selbst die 8-jährige Yvon kennt kein Erbarmen. Alle helfen beim Feld eines Gemeinschaftsmitgliedes zusammen.  Teodoros Ehefrau Lourdes klettert mit einem Krug Chicha (Maisgetränk) in der einen und einem Becher in der anderen Hand über die Baumstämme, die immer wieder quer über das Feld liegen. Sie kümmert sich darum, dass jeder genug zu trinken bekommt. Nach drei Stunden harter Arbeit sind alle schweißgebadet und einmal mehr von den Moskitos und Mücken zerstochen. Jetzt verstehe ich, warum in Monte Salvado selbst nur wenig Bäume stehen. Die Pflanzen fördern die Existenz der Stechmücken. Meine Füße sind übersäht mit roten Punkten und leichten Schwellungen, bei hundert höre ich auf zu zählen.

_MG_5074  _MG_5141 _MG_4809  _MG_5220 _MG_5662  _MG_5811

Zurück in der Comunidad gibt es „Frühstück“ für alle – Affenfleisch, Reis und Bohnen.
In der Regenzeit wird um einiges mehr Fleisch verzehrt als im Sommer, wenn neben Bananen, Mais, Papaya, Kokos und Yuca selbst Radieschen und Karotten wachsen. Früher bot der Fischfang einen Großteil der Küche von Monte Salvado, doch die Fische aus den quecksilber-verseuchten Gebieten bei Puerto Maldonado erreichen selbst die umliegenden Flussarme. Daher kann nur mehr in Seen gefischt werden, die mit dem Kanu und zur Fuß erreichbar sind.

Die Fleischnahrung ist abwechslungsreich, doch für eine europäische Vegetarierin für mich doch eine leichte Herausforderung: drei verschiedene Arten von Affen, Wasser- und Landschildkröten, Pauhil (wildes Federvieh) und wahrscheinlich vieles mehr. Ich bin Gast, werde mit offenen Armen willkommen geheißen und versorgt, obwohl sie selbst nicht viel haben. Die Menschen von Monte Salvado unterstützen meine Arbeit wo sie können. So esse ich dankbar auch die Speisen, die mir vorgesetzt werden. Doch haben sie vollstes Verständnis dafür, dass ich bei frittierten Bananen mehr zulange als bei den Fleischgerichten.

_MG_6238  _MG_6175 _MG_6114  _MG_5272 _MG_5266  _MG_5284

Teodoro kam vor 20 Jahren mit Lourdes an diesen Ort, um seiner Familie Raum zu bieten, ihre Bräuche in einem geschützten Umfeld zu pflegen. Er sieht es als seine Aufgabe, die Natur und die „hermanos aislados“ (die isolierten Brüder) zu schützen. Das gesamte Gebiet in der Region Madre de Díos ist in Parzellen aufgeteilt und entweder für Forstwirtschaft (=Abholzung) oder Paranüsse konzessioniert. Lediglich eine handvoll kleine weiße Flecken bleiben auf der Landkarte, die auf noch nicht vergebene Konzessionen hinweisen. Monte Salvado ist eine Comunidad, eine Gemeinde. Sie verkaufen keine Güter im großen Stil sondern bauen das an, was sie zum Leben benötigen. Mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln und in diesem Klima ist das genug Arbeit! Jetzt zur Regenzeit schwemmt der Fluss immer wieder riesige Holzstämme vorbei, die sie aus dem Wasser fischen. So braucht kein neuer Baum gefällt werden. Erwischen sie einen Stamm nicht, so wird über Funk die nächste Comunidad informiert und kann sich darauf vorbereiten.

Nach der Comunidad Monte Salvado beginnt die sogenannte Zona Reserva, das Gebiet, das den nicht-kontaktierten indigenen Stämmen vorbehalten ist. Es schließt an den Manu Nationalpark an, wo ebenfalls einige Menschen leben, die noch nie mit der modernen Zivilisation Kontakt hatten. Doch auch hier machen die illegalen Holzarbeiter nicht freiwillig Halt. So wurde der Posten eingerichtet, um den Zugang zur Zone zu kontrollieren und zu stoppen.

_MG_5475  _MG_5425

Für viele ist die Existenz der nicht-kontaktierten indigenen Stämme in der Gegend ein Ammenmärchen. Doch Monte Salvado hat Beweisbilder gefilmt. Im Juni des Vorjahres kamen etwa 140 nicht-kontaktierte ans andere Flussufer und blieb für insgesamt vier Tage. Verständigen konnten sie sich in ihrer Stammes-Sprache Yines und fanden so heraus, dass sie um essen baten und keine feindlichen Ziele hegten. Bereitwillig ließen sie ihre Speere im Sand stecken. Zum körperlichen Kontakt kam es nicht. Die Comunidad frachtete Unmengen von Bananen in ein Kanu und schob es auf die andere Flussseite.
Die nicht-Kontaktierten sind von der landwirtschaftlichen und infrastrukturellen Entwicklung des Landes insofern betroffen, als dass ihr Lebensraum, der ja auch Nahrung bedeutet, immer mehr eingeschränkt wird. Holzarbeiter, die in die verbotenen Zonen vordringen, sind nicht selten aggressiv. So gab es in den vergangenen Jahren immer wieder Überfälle und sogar Vergewaltigungen nicht-kontaktierter Mädchen. Diese Art der Aggression ist für diese Menschen unverständlich. Sie verstehen nicht, was um sie herum geschieht, und bekommen Angst. Teodoro und seine Familie in Monte Salvado können durch ihr Dasein eine Brücke zwischen den zwei Welten schlagen. Sie sehen es als ihre Aufgabe, sowohl die Natur als auch ihre „isolierten Brüder“ zu schützen.

Für ihre Arbeit als Parkwächter bekommen sie von der FENAMAD (Federación Nativa de Río Madre de Díos y Afluentes) ein spärliches Gehalt, das kaum ausreicht, um den Sprit zu bezahlen, der für den Weg nach Puerto Maldonado und zurück benötigt wird – geschweige denn für die berufliche Ausbildung ihrer Kinder.

In Monte Salvado helfen die Kinder bei den täglichen Arbeiten mit, sobald sie können. Sie scheinen nicht zu unterscheiden zwischen Hausarbeit (als lästiger Verpflichtung) und Spiel. Ihrer Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Die Kinder haben zwei kein oder nur wenig herkömmliches Spielzeug, doch findet jeder Holzstock oder Plastikbecher seine Verwendung und ist faszinierend.

_MG_5717  _MG_5962  _MG_5652  _MG_5523  _MG_5500  _MG_5739 _MG_5317  _MG_5380
Die Schule in Monte Salvado geht nur bis zum sechsten Schuljahr. Danach müssen die Kinder in die Stadt. Das zerreißt die Familien, manchmal ist kein Erwachsener da, die jungen Mädchen müssen für sich selbst sorgen. In der Comunidad wachsen die Frauen mit Verantwortung für die Gemeinschaft auf. Sie wirken erwachsener als gleichaltrige Mädchen, doch in anderer  Hinsicht sind sie naiv, was von Männern ausgenutzt wird. Einige werden sehr jung schwanger, was die berufliche Weiterbildung zusätzlich erschwert. In diesem Bereich ist der kulturelle Unterschied wohl am deutlichsten ersichtlich.

Für alles scheint es im Regenwald Heilpflanzen zu geben. Selbst Pflanzen, die gänzlich unfruchtbar machen, doch in der Stadt sind die Pflanzen weit weg und kommen nicht zum Einsatz. Allerdings werden gerade in schweren Krankheitsfällen langsam vermehrt die Ureinwohner zu Rate gezogen und hin und wieder von Menschen aus der Stadt besucht. Bereitwillig führt mich Teodoro nach unserem Besuch an einem See, wo ich vergeblich versuche, Papageien zu filmen, von Pflanze zu Pflanze, erklärt ihre Heilkraft, und wie die Arznei zuzubereiten ist. Das ist aufwendiger, als in die Apotheke zu gehen, doch gerade in den scheinbar vergeblichen Fällen effektiver!

_MG_6104  _MG_6054  _MG_6035  _MG_6068

Teodoro möchte dieses Wissen teilen, so wie er gerne Einblick in ihre Bräuche geben möchte. Ab 2015 werden wir gemeinsam kleinen Touristengruppen den Besuch in Monte Salvado ermöglichen. Bis dahin unter anderem die sanitären Anlagen und Unterkünfte ausgebessert werden. Ruben und ich arbeiten gemeinsam mit Teodoro und Romel, dem Vize-Präsidenten, ein Programm aus. Wir werden immer mehr zu Ehrengästen. Auf einmal liegt die ganze Hoffnung der Comunidad in unserer weiterer Zusammenarbeit!

Am Sonntag wird sogar noch eigens ein Fest veranstaltet, bei dem sie uns ihren Tanz und die traditionelle Bekleidung vorstellen. Und natürlich gibt es Masato in Unmengen! Ich helfe in den Vortagen beim Zubereiten des Getränks, schäle und schneide die riesigen Yuca-Knollen, die in immensen Kochtöpfen am Feuer vor sich hin brodeln. Hinzu kommen noch geriebene Süßkartoffeln und Mais-Sprossen. Das ganze wird mit einem Holzhobel zerstampft und zwei Tage sich selbst zur Fermentation überlassen.

_MG_6351  _MG_6371   _MG_6366  _MG_6430
Die jungen Mädchen der Gemeinde sind von Kopf bis Fuß mit Yines-Symbolen bemalt und gehen mit riesigen verzierten Masato-Bechern reihum. Abwechseln wird Masato serviert und getanzt, wozu sie Frauen und Männer gleichermaßen auffordern. Normalerweise dauern ihre Feste drei Tage und drei Nächte, doch mir reicht der eine Tag intensiver Masato-Konsum, an dem dann auch noch in der größten Mittagshitze Volleyball gespielt wird.

Am Tag der Abreise sind einige der kleinen Kinder noch näher bei mir als sonst. Sie wissen, dass wir uns wieder auf den Weg machen, und sind traurig. Die zwei Wochen in Monte Salvado waren wir gut aufgehoben, beschützt, eben wie in einer Familie. So fühlt es sich an, als unser Kanu langsam ablegt und den Weg flussabwärts antritt. An den Häusern stehen über die ganze Comunidad verstreut unsere neuen Freunde und winken zum Abschied. In diesem Fall weiß ich, dass es mehr als nur ein Wiedersehen geben wird!

_MG_6267  _MG_6522_MG_6281  _MG_6286

You may also like

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.