Pucon & Mapuche

In einem der vielen Reiseführer habe ich über Pucon gelesen, dass man den Ort entweder mag oder überhaupt nicht. Das kann ich mir sehr gut vorstellen.

Nach Santiago sind wir mit dem Nachtbus in dem 9 Stunden entfernten „Adventure Hub“ gelandet. Die Straßen sind gesäumt von Hostales und Reisebüros, die geführte Trekking-Touren auf den aktiven Vulkan oder Rafting Touren anbieten. Das Hostel, in dem wir die erste Nacht verbringen, wird großteils von jungen amerikanischen oder australischen Reisegruppen frequentiert, die geführte Abenteuer-Rundreisen unternehmen.Der Mann im Büro der Umweltorganisation „Gaia“ in Santiago hat uns quasi aufgetragen, nach Pucon zu fahren. Also sind wir hier, froh darüber, nach einigen Tagen in der riesigen Hauptstadt voller Menschen den mystischen Ausblick auf den ständig rauchenden Vulkan Villarica genießen zu können. In Santiago haben wir einiges organisiert und unter anderem beim Instituto Geográfico Militario Karten besorgt. In Österreich sind wir, wie ich bald am eigenen Leib erfahren werde, verwöhnt von gut markierten und ausgetretenen Wanderpfaden und aktuellen topografischen Karten, die es selbst in den meisten größeren Buchhandlungen zu kaufen gibt. In Lateinamerika jedoch gehört einiges an Aufwand dazu, wenn man auf eigene Faust Pässe und Täler queren möchte. Und genau das haben wir ja vor. Santiago ist jedoch mehr als nur viele Menschen und Großstadt. So begegnen wir beim Auswählen der Karten Ignacio, einem Professor für Kolonialgeschichte an der Universidad Católica in Santiago. Am darauffolgenden Tag führt er uns persönlich durch das kleine verstaubte Kolonialmuseum, das sich keine 200 Meter von unserem Hotel entfernt befindet und voller verborgener Schätze zu sein scheint. Anschließend lädt er uns zu einem köstlichen Abendessen bei sich zu Hause ein, mit Blick auf die Berge am Rande der Stadt. Und endlich geht es mit dem Nachtbus, dessen Komfort den Bussen bei uns zu Hause bei weitem den Rang abläuft, nach Pucon.

Von hier aus wollen wir ins „Reserva de Cani“. Hier soll es einige Araukarien geben, und wir wollen im Schutz dieser 2000 Jahre alten Bäume zelten. Beim steilen Anstieg erklärt sich rasch, warum dieses wunderbare Plätzchen nicht stärker besucht wird. Doch nach einigen Stunden weiß ich, dass sich jeder einzelne Schritt dieser knapp 1000 Höhenmeter gelohnt hat. Viele Besucher verbringen die Nacht im Refugio am Eingang Reservats, doch die wirklichen Schätze liegen weiter im Inneren verborgen und offenbaren sich erst langsam, nach und nach. Wir stellen unser Zelt an der Laguna Negra auf, mit einem traumhaften Blick auf diese unglaublich hohen Baumstämme mit Puzzle-förmiger Rinde (auf englisch heißen sie daher „Monkey Puzzle Trees). Die Baumkronen lässt ihre Silhouette aus der Ferne ein bisschen wie Schwammerl aussehen – majestätische Schwammerl. Wir gehen noch ein bisschen weiter hinauf bis zum Mirador, wo sich uns ein atemberaubender 360 Grad Ausblick bei strahlendem Sonnenschein auf die umliegenden Araukarienwälder mit sieben Vulkanen im Hintergrund bietet.

Am nächsten Morgen werden wir von heftigem Wind und Regen geweckt. Der schöne Ausblick aus dem Zelt ist verschwunden, stattdessen stellen wir fest, dass wir an dieser Stelle ziemlich der Natur ausgesetzt sind. Wir beschließen abzuwarten und das Ende des Regens abzuwarten, das tatsächlich um die Mittagszeit eintrifft. Das holländische Pärchen, das einige Meter entfernt von uns campiert hat, ist geflüchtet. Und so sind wir ganz allein mit den Araukarien, den Wildenten, und vielen anderen Tieren, deren Laute ich noch nie zuvor im Leben gehört habe. Wir beschließen, noch eine weitere Nacht zu bleiben und werden mit einem Sonnentag belohnt, an dem wir bis zum ehemaligen Krater dieses schon lange nicht mehr aktiven Vulkans wandern. Dadurch dass wir so viel Zeit hier oben verbringen, entdecken wir Araukarien in den unterschiedlichsten Entwicklungsstadien. Einige Jahre (oder sind es Jahrzehnte) sehen sie fast aus wie Christbäume, bevor sie beginnen, sich zum Himmel hoch zu strecken.

Uns fällt auf, dass am Rand von Cani bereits mit der Abholzung begonnen wurde, bevor eine Initiave von mehreren Menschen, darunter auch der heutige Manager des Hostals Ècolé, wo wir noch einige Zeit verbringen werden, es durchsetzen konnte, dass die Araukarien-Bäume 1991 geschützt und das Reserva de Cani eingerichtet wurde.

Am späten Nachmittag beschließen wir spontan, unser Zelt wieder abzubauen, da der Wind wieder stärker wird und wir nicht wieder im Regen aufwachen wollen. Die Samen der Araukarien liegen überall am Wegesrand, und wir sammeln diese „Piniones“ auf, um sie anschließend in Wasser zu kochen, und geschützt vom Dach des Hostels in Pucon zu essen, während draußen für mehrer Tage der Regen in Strömen vom Himmel fällt.

In Pucon werden wir von Marco, der für die Umweltorganisation Condor Blanco arbeitet, zu einer Zeremonie der Mapuche-Ureinwohner eingeladen und die dazugehörige „Cabalgata“ (Pferdemarsch / Ausritt) zu begleiten. Und so marschieren wir nach einer kurzen Nacht in der Früh um 7 zu dritt zum Bus um zum nahegelegenen Ort Curarrehue zu fahren. Dort sitzen wir mit Mapuche Männern und Frauen ums Feuer, trinken Mate und essen frittiertes Brot mit Käse und Piniones, von denen wir nun wissen, wie sie richtig gekocht werden!

Einige Mapuche der Umgebung veranstalten zum zweiten Mal eine Cabalgata von Curarrehue nach Rigoli mit dem Ziel, hier eine Zeremonie abzuhalten, just an der Stelle, wo eine offene, viele Hektar große Mine für Zement gebaut werden soll. Dieser Zement soll angeblich für den geplanten Bau der Staudämme im Süden verwendet werden. Die Mapuche gehören zu den wenigen Indigenen Chiles, die nicht komplett ausgerottet wurden. Friedvolle Menschen, die Gewalt ablehnen. Ihr Name bedeutet Menschen („che“) der Erde („mapu“), und so leben sie auch – im Einklang mit der Erde nehmen sie sich gerade so viel und das in Dankbarkeit, wie sie tatsächlich benötigen.

Hier in Curarrehue, wie auch schon zuvor am Rio Bio Bio, wo der Bau eines großen Staudamms Umsiedelungen der Mapuche auf wenig nutzbares Land zu Folge hatte, wurde und wird weiterhin versucht, sie mit Arbeitsplätzen zu locken, damit sie infrastrukturellen Verbesserungsmaßnahmen, die ja auch ihre Lebensqualität verbessern sollen, zustimmen. Doch dass dann 50 LKWs pro Tag an ihren kleinen Holz-Hütten, durch deren Ritzen der kühle Wind selbst im Sommer pfeift, vorbeidonnern, davon spricht niemand. Und dass die Errichtung von Süßwasser-Lachszucht und die Regulierung des Flusses, der heute wild durch das Tal fließt, auch bedeutet, dass der freie Wasserzugang für ihr Land und somit die Wasserversorgung für Menschen und Tiere gleichermaßen verloren geht, auch darüber wird ihnen nichts erzählt.

An diesem Wochende, an dem wir im Kreis der Mapuche als Gäste und als Teil der großen Familie willkommen geheißen werden, erfahren wir langsam mehr über die Zusammenhänge in Chile. Und wir werden eingeladen, jeder Zeit zurückzukommen und mehr über die Mapuche, ihre Bräuche und Lebensphilosophie zu erfahren, so wie wir uns es gewünscht hatten!

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