Spiegelbild

Meine Mutter meinte in einem Gespräch vor ein paar Wochen, sie verstünde nicht, wonach ich auf der Suche bin.

Als ich im November des Vorjahres von zu Hause aufbrach, hatte ich nicht das Gefühl, irgendetwas suchen zu müssen, sondern dass ich mich bereits reich beschenkt fühlte. Und doch unternahm ich mein Abenteuer, um mich von meiner Intuition führen zu lassen an Orte und zu Ureinwohnern in Lateinamerika, von denen ich lernen kann. Ich wollte Menschen treffen, die ein einfaches Leben mit einer starken Verbindung zur Natur leben und sich an ihre Wurzeln erinnern.
Was ich finde, erschreckt mich. Ich will meine Augen nicht verschließen sondern lernen. Was ich lerne, kommt unerwartet. Es zeigt mir Seiten dieser Welt, der Menschen und an mir, die nicht immer angenehm sind.

Nach sechs Wochen in Puerto Maldonado mache ich mich Mitte Februar auf nach Cusco. Doch es stockt. Ich komme nicht weiter, weiß noch nicht wohin, kann mich aber auch nicht einfach auf den Weg machen und irgendetwas erleben, um mich abzulenken. Meine klare Vision ist es, diesen Film zu machen. So sitze und warte ich, verarbeite nach und nach die Eindrücke der vergangenen Wochen im Regenwald. Und ich lebe in Peru. Ich lebe mit den Peruanern, wohne in einem einfachen Haus ohne fließendes Wasser etwas oberhalb der Stadt und fahre wie die Peruaner auch mit den stinkenden Kleinbussen, die öffentlichen Verkehrsmittel Cuscos. Ich bin stolz darauf, anders als die Gringo Touristen zu sein. Machu Picchu und das Valle Sagrado stehen nicht ganz oben auf meiner Liste.

Aber ich gehe klettern und bin froh über die neue Freizeitbeschäftigung. Um Cusco herum gibt es fantastische Felsen für die verschiedensten Schwierigkeitsgrade. Klettern ist ziemlich neu für mich, doch ich mache unglaubliche Fortschritte, die ich am Beginn des jeweiligen Tages für unmöglich halte. Es zeigt mir einmal mehr, was wir im Stande sind zu tun, wenn die Ausrichtung klar ist, dazu eine gehörige Portion Freude kommt und nicht zuletzt Wegbegleiter – beim Klettern und Sichern durchaus wichtig – die einen im Erreichen des Ziels, also die oberste Kante der Wand zu erreichen, mit voller Aufmerksamkeit unterstützen.

Die Energie in Cusco empfinde ich als heftig. Hier in diesem Kessel konzentriert sich alles und verstärkt sich zusätzlich, so als könne nichts abfließen: Die Wucht, mit der manche Begegnungen Emotionen in mir auslösen, ist gewaltig. Alles scheint hier verstärkt, so als würde ich bei einem Heavy Metal Konzert in der 1. Reihe direkt vor den Lautsprechern stehen. Damit bin ich nicht allein. In Cusco suchen viele „Gringos“ spirituell Zuflucht und durchleben eine einzigartige intensive Zeit, durch der sie sich von Zeremonien und Ritualen begleiten lassen – viele davon durchaus gerade auf Esoterik-Tourismus abgestimmt, doch auch hier gibt es Ausnahmen und Menschen, die diese Begleitung nicht rein aus dem Verkaufs-Gedanken übernehmen.

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Bei einem so genannten Aya Dispacho verabschiede ich mich von Anteilen an mir, die gestorben sind und als solches in den Kreislauf des Vergehens verabschiedet werden. Man sucht sich eine oder mehrer Dinge aus, die bewusst gehen dürfen. Am Ende der Zeremonie wird all das in einem Feuer verbrannt. Das Feuer symbolisiert die Geister, die damit genährt werden. Da es unhöflich ist, den Geistern beim Essen zuzusehen, hören wir nur das Knistern des Feuers, des Papiers, der Coca-Blätter, die die Intentionen symbolisieren, und der anderen Beigaben. Wir hören den Geistern beim Essen zu, und eine Last, die ich nicht wusste zu tragen, verschwindet nach und nach von meinem Schultern. Danach bin ich müde und gehe erschöpft sehr früh ins Bett. Und am nächsten Morgen: wie sanft durchgewaschen, erleichtert, frei.

Der Kongressabgeordnete von Loreto hat von meinem Projekt erfahren und will mich kennen lernen. So mache ich mich auf nach Lima. Das erste Mal in meinem Leben mache ich Couchsurfing. Ich veröffentliche meine Suche nach einer Couch in Lima und bekomme an die vierzig Einladungen von jungen Männern aus Lima, die mir die Strände und das Nachtleben zeigen wollen. Na bravo! Dann kommt die Einladung eines peruanischen Journalisten, der mich einlädt, weil ich einen Dokumentarfilm mache. Ich nehme die Einladung an, weil er Journalist ist. Bingo.
Drei Wochen später treffen wir uns zu einer Pressetour durch Ica, um eine Geschichte über das peruanische Nationalgetränk Pisco zu machen. Ich fotografiere, fotografiere, fotografiere. Wir probiere viel Pisco, die typische Küche Icas und ich bin zugegeben äußerst dankbar, nach der Zeit in absoluter Einfachheit ein bisschen Luxus genießen zu dürfen. Vor allem die Zeit im Weingut von Queirolo nehme ich als riesengroßes Geschenk und springe frühmorgens um halb 6 in den Swimming Pool.

Zurück in Cusco, auskuriert von einer Verkühlung und trotz der Arbeit erholt, ergeben sich endlich die nächsten Schritte meiner eigentlich Reise und somit des Films. Endlich! Ich bin erleichtert und froh, dass sich die weitere Richtung endlich abzeichnet.
Doch zunächst geht es noch einmal nach Puerto Maldonado, um nach dem Ende der Regenzeit Recherchen und Aufnahmen zu machen, die erst jetzt möglich sind.

Die Seiten, die ich jetzt von Puerto Maldonado kennen lerne, machen mich traurig. Über drei Wochen wird gestreikt. Ich sehe, wie katastrophal die Schulbildung hier ist, die Nachrichten-Berichterstattung und der Informationsgehalt. Ich erkenne die Zusammenhänge der Goldwäscherei mit ihren traurigen Auswirkungen auf den Regenwald, die weite Landstriche durch den Einsatz von Quecksilber verwüsten lassen. Wo ich gehofft hatte, auf Antworten und Inspirationen zu stoßen, finde Entwurzelung und Ohnmacht.

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Ich habe diese Reise unternommen, um von Ureinwohnern zu lernen. Doch die Ureinwohner, die ich glaubte finden zu können, scheint es auf diesem Planeten nicht mehr zu geben. Ihre Existenz beschränkt sich auf Filme wie in Avatar, wo die außerirdischen Ureinwohner Hände haltend um ihren Mutterbaum sitzen und beten.
Ich bin unterwegs, um einen Film zu machen, und lasse mich durch zwischenzeitliche Ernüchterungs-Erlebnisse, die vielleicht meinen Enthusiasmus etwas dämpfen, NICHT von der Verwirklichung dieser Vision abbringen. Im Gegenteil. Diese Erkenntnisse ehrlich in den Film einbauen macht aus der Geschichte erst recht ein einzigartiges Zeugnis einer sehr persönlichen Reise, die Einblicke in erschreckende Zusammenhänge gibt aber hoffentlich auch zeigen kann, dass wir immer wieder und an allen Orten der Welt Quellen der Inspiration finden können.

Ich bin irritiert. Auf einmal bemerke ich, dass es wieder einmal darum geht, mich mit den unangenehmen Seiten in meinem Umfeld und nicht zuletzt damit, was dies in mir auslöst, anzufreunden. Ich bin also doch wieder auf der Suche nach mir selbst. Und die Intuition funktioniert! Ich lerne mich mit jedem Tag noch besser kennen. Ich lerne die Menschen um mich herum besser kennen. Ich bemerke Seiten an meiner Familie und meinen Freunden, die ich sehr schätze, die mir aber bisher nicht aufgefallen sind.
Immer wieder im Leben geht es darum, aufzubrechen und einen neuen Blickwinkel zu entwickeln. Die Antwort auf viele Fragen gibt uns am Ende aber doch unser eigenes Spiegelbild, in dem wir uns selbst immer wieder mit neuen Augen betrachten können.

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