Tischlein, deck dich! (Cascais – La Palma)

Die Tage auf der „Tres Hombres“ verschwimmen. Teilweise heißt es, mitten in der Tiefschlafphase aufstehen.

Unsere Mannschaft ist in zwei Gruppen aufgeteilt: sechs Stunden Wache, sechs Stunden Ruhe, 4 Stunden Wache, 4 Stunden Ruhe, 4 Stunden Wache, und dann der nächste 24-Stunden Zyklus genau umgekehrt.

Wir lichten die Anker einen halben Tag später als ursprünglich angedacht, da die Nacht davor noch ausgiebig gefeiert wurde. Auch der Seegang bei unserer Abfahrt ist ausgiebig. Zunächst klettere ich noch auf den Mast, um die Segel einzuholen, doch zur Essenszeit beuge ich mich über die Reling und muss mich das erste Mal in meinem Leben auf einem Schiff übergeben. Es dauert drei Tage, bis ich mich an die Bewegungen vom Schiff gewöhne, und ich frage mich, ob ich tatsächlich bis nach Brasilien segeln möchte.

Die Sterne, die jede Nacht am Himmel funkeln, ihr Leuchten holt mich zu mir zurück. Nach drei Tagen spüre ich mich wieder und beginne, das Segeln zu genießen. Ich gewöhne mich immer mehr an das ständige Schaukeln und muss einfach mein Tempo reduzieren, sonst verspüre ich wieder Schwindel und leichte Übelkeit. Diese Langsamkeit und Hingabe an das Meer sind neu für mich. Ich bin ein Erd-Mensch, kenne das Meer hauptsächlich vom Strand aus. Eines Morgens lege ich mich an Deck hin, blicke zum Himmel empor und versuche, jede Zelle von mir einfach nur tun zu lassen, was mein Körper braucht, um mit dieser neuen Situation gut zurecht zu kommen. Bereits eine halbe Stunde später fühle ich mich frisch und endlich wieder kraftvoller.

Am dritten Tag auf See haben wir frei; d.h. trotzdem die Schlafzeiten und Wachen einzuhalten, aber sonst keine Arbeiten an Bord verrichten zu müssen. Unser 1. Offizier, Francois, bringt mir französische Seemannslieder bei, wir lesen, Rosa strickt, Biz flechtet mir Zöpfe, es ist friedlich. Und doch sind bereits Spannungen innerhalb der Mannschaft spürbar. Das verwundert nicht weiter, ist doch das Schiff nur 32 Meter lang! In der Kajüte am Bug schlafen 8 Leute zusammen, außerdem ist der Raum direkt mit Vorratskammer und Kombüse verbunden. Im Frachtraum schlafen vier weitere Trainees. Ich habe Glück und teile mir eine 2er Kajüte mit Alex, der Köchin. Ihre Speisen übertreffen jegliche Hoffnungen, die ich mir in meinen kühnsten Träumen kaum auszumalen gewagt hätte. Mehr als die Hälfte an Bord sind Vegetarier, und so gibt es einfallsreiche Gerichte verfeinert durch die unzähligen Gewürze, die in der Kombüse die Fächer füllen.

Liebevoll und verständnisvoll zu bleiben, das fällt auf so engem Raum gar nicht leicht, ebenso wie das richtige Maß zu finden, sich in der Gemeinschaft einzubringen. Wir sind ein bunter Haufen, der für die Zeit des gemeinsamen Unterwegsseins als Gemeinschaft lebt; d.h. neben dem Segeln gilt es, den ganzen Alltag zu organisieren, der Köchin zu helfen, Geschirr zu waschen, zu putzen, am Schiff Ausbesserungsarbeiten vorzunehmen, etc. Rücksicht müssen wir ständig aufeinander nehmen, denn irgendjemand schläft fast immer durch den Schichtdienst.

In der Nachtschicht von Mitternacht bis 4 Uhr früh wird Brot gebacken. Bei entsprechendem Seegang den Teig zu kneten erweist sich als ziemliche Herausforderung. Immer wieder muss ich mich hinsetzen und verschnaufen, Luft holen, Tempo herausholen, damit nicht wieder Übelkeit aufsteigt.

Nach ein paar Tagen packe ich aus das erste Mal auf See meine Kamera aus und freue mich über atemberaubende Bilder. Alles schaukelt, und ich bin gespannt, ob die Zuschauer im Kino vom bloßen Hinschauen seekrank werden. Das gibt dann ein besonders unvergessliches Filmerlebnis!

Jede Nacht halten wir Ausschau nach dem Kometen Ison, der Ende November so nah an der Sonne vorbeifliegen soll. Wir wissen zu dem Zeitpunkt weder den Namen, noch wie und in welcher Himmelsrichtung das Schauspiel zeigen soll. Lediglich, dass es da einen Kometen gibt, hat irgendjemand an Bord gesagt. Jede Nacht blicken wir in den Himmel, jede Nacht zähle ich viele Sternschnuppen. Es scheint so, dass jedes Mal, wenn mein Blick zum Himmel wandert, wieder eine vorbeizieht.

In der Nacht von 27. auf 28.November beginnt unsere Wache um Mitternacht, und Biz fragt mich, ob ich heute das Brotbacken übernehme. Zehn Minuten möchte ich aber noch draußen sitzen und Luft schnappen. Es ist ruhig, wenig Seegang, da wir seit einem Tag bereits ziemliche Flaute haben. Da, auf einmal zieht ein heller Strahl über den Himmel und wir rufen laut aus! War er das, der Komet? Ich bekomme Gänsehaut und bin tief berührt von diesem Schauspiel! Dieses Leuchten zu sehen am Himmel, den Strahl, eine so unerwartete Erscheinung, wie ein Wunder, mystisch, ein Zeugnis der Schöpfung und ihrer Schönheit. Ich verspüre eine tiefe Dankbarkeit in mir, diesen so selbstverständlichen Augenblick im Universum wahrgenommen zu haben, diese Unschuld und Unbefangenheit in der alles, was ist, entsteht und sich wandelt, so kindlich, so natürlich. Das ist das Leben!
Heute macht mir das Brotbacken richtig Spaß, ich zerkleinere viele Gewürze mit dem Mörser, und knete den Teig sogar drei Mal. Beim Frühstück schmeckt es allen.

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Die zwei Tage Flaute machen manche an Bord recht ungeduldig. Auf der Karte ist ersichtlich, dass wir nach 24 Stunden wieder fast an derselben Stelle sind.
Doch am Sonntag in der Früh legt der Wind allmählich wieder zu und vor dem Mittagessen erreichen wir den Frachthafen von La Palma (Kanarische Inseln). Die Tres Hombres hat keinen Motor. Für bestimmte Manöver nehmen wir das Dingy zu Hilfe, aber mit dem Wind gelingt es tatsächlich, direkt zur Anlegestelle zu navigieren. Nach und nach holen wir auf Kommando von Lammert, unserem Skipper, die Segel ein. Die ganze Mannschaft ist hochkonzentriert. Kurz vor der Anlegestelle wird ein Anker ins Meer geworden, quasi als Bremse, zwei von den Jungs springen an Land, fangen die Seile auf und werfen sie um die Poller, wir legen an. Alle jauchzen auf, applaudieren, es hat geklappt! Dieser Augenblick stärkt das Gefühl der Zusammengehörigkeit unglaublich. Wir sind ein Team und arbeiten miteinander.

Ursprünglich wollten wir nur einen Tag in La Palma bleiben und kanarischen Rum und Zigarren laden, doch es wird fast eine Woche daraus. Die Insel erweist sich als perfekter Ort, um Vorräte und Trinkwasser zu besorgen, die fast bis nach Brasilien reichen sollen.

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Das wichtigste beim Landgang sind Duschen und Wäschewaschen – doch gar nicht so einfach zu finden! Die erste Dusche nach einer Woche auf See ist ein wahres Geschenk. Und doch besteht gar nicht mehr das Bedürfnis nach täglicher Dusche. Meine Haut ist weich wie noch nie, meine Haare voll und glänzend. Der Körper hat endlich die Möglichkeit, seine eigenen Öle zu produzieren und sich selbst zu reinigen. Immer wieder streiche ich über meine Arme und genieße es, wie zart sich meine Haut anfühlt.

Ich freue mich darüber, endlich wieder Spanisch zu sprechen, und kümmere mich um die Waschmöglichkeiten für die gesamte Mannschaft. Alex möchte eine Möglichkeit finden, biologisches Obst und Gemüse zu beziehen und zum Schiff liefern zu lassen. Als wir um die Ecke von der Wäscherei biegen, sehe ich linker Hand einen kleinen Laden „Hierba Buena“ und schlage vor, dort nachzufragen. Rosa-Abel, die Besitzerin, ist ein Engel. Sie erfüllt uns, und vor allem mir, in den kommenden Tagen jeden Wunsch, noch bevor ich ihn äußern muss! Zunächst ruft sie all ihre Lieferanten an und bestellt 20 kg Kartoffeln, 20 kg Mangos, Avocados, Salat, etc. Zusammen fahren wir zu einer Finca und sehen, wie die Früchte angebaut werden. Sie macht mit uns Umwege, damit wir ein bisschen etwas von der Insel sehen. Vor allem erkennt Rosa-Abel, wie wichtig und wertvoll es ist, Zeit abseits vom Schiff zu verbringen. Ich dusche bei ihr im Geschäft mit Kerzen und Räucherstäbchen im Bad. Danach stellt sie mir einen eigenen Raum zur Verfügung, der von einer Shiatsu-Therapeutin genutzt wird, um hier in Ruhe am Computer zu arbeiten.

Ich merke, wie die Spannung der Tage, in denen es viel zu organisieren gibt, allmählich von mir weicht, und wie ich mich nun fast landkrank fühle. Ich setze mich auf den Boden und versuche, meine Zellen, die noch immer hin und her schaukeln, zum Ruhen zu bringen.

Ich genieße die Tage, in denen ich Besorgungen mache und nur wenig Zeit am Schiff verbringe. Rosa-Abel kocht ein herrliches Mittagessen und bietet Alex und mir schließlich auch noch an, mit ihr zur anderen Seite der Insel zu fahren, schöne Ausblicke zu filmen, und die Nacht in ihrem Haus zu verbringen. Alex muss zurück zum Schiff, aber ich nehme die Einladung freudig an! War es doch mein Wunsch gewesen, eine Nacht in einem Bett an Land zu verbringen, allein in einem Raum, ohne Bewegung, ohne Geräusche, ohne die anderen. Daher hatte ich angedacht, mir entweder hier oder dann auf den Kap Verden vielleicht ein Hotelzimmer zu nehmen. Doch das erweist sich als überflüssig, denn Rosa-Abel umsorgt mich besser, als dies in jedem Hotel der Fall wäre.

Mir scheint es wichtig, immer wieder herauszutreten aus dem „Dunstkreis“ der Umgebung, damit daraus kein Sumpf wird, immer wieder herauszutreten aus dem Boot, aus der Familie, dem Alltag, der Beziehung, und die eigene Essenz spüren. Genau das erlaubt, Entscheidungen immer wieder aufs Neue zu treffen, nicht einfach unüberlegt weiter zu machen, sondern sich mit vollem Bewusstsein auf die Menschen um einen herum einzulassen. So kann Routine erst gar nicht entstehen. Vielleicht ist das das Rezept für erfolgreiche Projekte, langjährige Freundschaften und tiefe Beziehungen.

Ich lerne auf dieser Reise immer mehr, mit Wünschen umzugehen, mich in etwas hinein zu fühlen, anstatt es mir im Detail auszumalen, welche Form es haben soll. Es scheint, als bräuchte ich nur: „Tischlein, deck Dich!“ auszurufen, und mich von den herrlichen Speisen, die mir angeboten werden, überraschen zu lassen.

Heute Abend oder morgen Frühmorgens soll es nach fast einer Woche auf La Palma weiter gehen in Richtung Kap Verden. Der Wind legt langsam wieder zu.
Viel habe ich nicht kennen gelernt von der Insel, aber ich bin neugierig geworden auf die Geheimnisse, die sich im Landesinneren verbergen und die man auf ausgiebigen Wanderungen erkunden kann. Ich freue mich nun auch wieder auf gemeinsame Erlebnisse mit der Mannschaft und natürlich auf das Segeln!

Ahoi!

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