Vom Aufweichen der Fronten

10 Uhr
Das erste Interview des Tages mit der wunderbaren Nelly Carrasco von Radio „Nuevo Mundo“ (=Neue Welt).

Amaro hat es am Vorabend eingefädelt, als wir in der Casa del Sol zusammen saßen. Außer einigen von der Band war niemand zur Filmvorführung gekommen. Sie stellen uns den Raum zur Verfügung, aber es ist verständlich, dass sie mit der Organisation für ihr Konzert im Stadion zwei Tage vorher nicht die notwendige Zeit hatten, zusätzliches Publikum für IM FLUSS DES LEBENS zu generieren. Trotzdem ist es gut, Dank dieses Anlasses Zeit für persönlichen Austausch zu finden, woraus IMG_3494webbald weitere Zusammenarbeit entstehen kann – für Edaniel sogar sehr bald!
Nelly ist einer der Menschen, die ihre Arbeit mit Leidenschaft und Freude machen. In jeder ihrer Fragen merkt man das persönliche Interesse und ihre Neugierde am Leben. Die Stunde mit ihr im Studio vergeht wie im Flug. Unter diesen Voraussetzungen spreche ich das beste Spanisch meines Lebens bisher! Gesendet wird das Ganze am Samstag den 13.9. um 10 Uhr Ortszeit (Streaming-Link folgt).

12 Uhr
Interview mit einem Zeitungsjournalisten in der Casa Bolivar, wo am selben Abend die Filmvorführung stattfinden wird. Dieser Journalist ist bereits als wir pünktlich eintreffen unter Zeitdruck und sollte schon woanders sein. Er hat den Film noch nicht gesehen, und ich bezweifle, dass er die Zeit finden wird, ihn sich anzusehen. Doch auch diese Gespräche sind spannend und eine schöne persönliche und berufliche Herausforderung. Gespannt, was er schreibt!

17 Uhr
Interview für Internet-Fernsehen. Die beiden kommen aus der ultralinken Bewegung. Die Pinochet-Diktatur ist in Chile in vielerlei Hinsicht noch präsent, sei es in der Verfassung oder auch in den politischen Gegenbewegungen, die sich damals bildeten, da vor allem soziale Anliegen wie Bildung bis heute nicht durchgesetzt wurden. Diese Gegenbewegungen sind teils so extrem wie in ihren Anfangsjahren. Wer gehoert werden will, muss sich schließlichhörbar  machen. Dadurch sind die Fronten freilich teilweise sehr verhaertet. Man versucht in dem Gespraech, den Film und vor allem meine Arbeit verstärkt als anklagend und anti-system zu sehen. Doch Edaniel und mir gelingt es, spielerisch und leicht und bleiben, nicht in die Kampf-Stimmung einzusteigen und für unsere Arbeit und uns als Menschen ganz klar Stellung zu beziehen.

20 Uhr
Filmvorführung in der Casa Bolivar, organisiert von Edaniels Tante, mit der wir auch am Sonntag in dem Gedenkmarsch zum Friedhof mitmarschiert sind. Ich habe den Film noch nie vor einem derartig eindeutig und politisch klar definiertem Publikum gezeigt. Sie lassen die teils träumerischen Aussagen der Menschen im Film nicht einfach nur über sich ergehen, sondern lassen sie wirken und stellen interessierte und sehr direkte Fragen im darauffolgenden Publikumsgespräch. Warum ich mich nicht mehr und auch jetzt noch weiter für das Thema vor Ort in Patagonien einsetze? Warum ich nicht auf die Lage der Bauern und Arbeiter vor Ort eingehe sondern mir diese Menschen ausgesucht habe? Und schließlich: ob ich meine Arbeit als anti-kapitalistisch bezeichne? Ich atme tief und denke kurz nach. Nein, tu ich nicht. Das Publikum lächelt, doch nicht hämisch sondern hört mir weiter zu als ich meine Antwort weiter ausführe:
Durch meine Arbeit und meine Entscheidung fuer meinen Lebensstil in der glücklichen Lage bin, viel zu sehen. Ich bin neugierig und sehe um mich. Was ich sehe, inspiriert mich immer wieder. Ich sehe vieles, was nicht gesund läuft auf dieser Welt, doch auch vieles, was ich als gut und gesund für mich, die Menschen, den Planeten, unsere Gesellschaft empfinde. Das kommt aus unterschiedlichen Richtungen. Für mich geht es darum, diese Dinge herauszupicken und so etwas völlig Neues zu kreieren – oder auch gar nicht unbedingt Neues, lediglich in der Kombination und Flexibilität.

Nach diesem langen Tag bin ich müde, erfuellt mit einer Zufriedenheit, dass es heute ein Stueck gelungen ist, gefühlte oder gar klar definierte Grenzen aufzuweichen und miteinander zu kommunizieren. Denn dies ist für mich ein wichtiger erster Schritt im Suchen von Lösungen für ein Wohlbefinden aller Menschen. Die Anwesenden an diesem Abend haben Offenheit gezeigt im Gegenzug für meine Bereitschaft, mich offen zu zeigen.
Ich habe mich öffentlich noch nie in diesem Ausmass als Mensch und Regisseurin präsentiert wie an diesem Tag in Santiago de Chile. Und ich empfinde einen gewissen Stolz, dies schließ so zu meistern, wie es tief in mir immer mein Anspruch war. Endlich!

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